Als Feministin bezeichnete sich Cindy Gallop nach eigenen Aussagen schon immer. Doch ihre Verwandlung zur Aktivistin nahm ein paar
Jahrzehnte in Anspruch. Denn erst einmal war sie lange Zeit sehr erfolgreich in
der Werbebranche tätig, managte etwa den neuen Standort der britischen Werbeagentur
Bartle Bogart Hegarty in New
York City. Noch immer arbeitet sie als Consultant für verschiedene ausgewählte
Kunden. Doch im Jahr 2005 entschied sie sich dafür, andere Wege einzuschlagen. Über
eine ihrer genialen Ideen sprach sie am heutigen Mittwoch auch auf der
re:publica in Berlin.
Konkret geht es dabei um ihr 2009 auf der TED-Konferenz gestartetes
Online-Projekt „MakeLoveNotPorn“.
Der Titel lässt erahnen, worum es geht – doch täuschen lassen sollte man sich
nicht. Hier geht es nicht darum, sich entweder von Sex oder Pornos
fernzuhalten. Vielmehr fordert die professionelle Rednerin den offenen Dialog
über Sexualität und Pornographie und wünscht sich deshalb eine Gesellschaft, die sich offen
und vorurteilsfrei über Sex und Pornographie unterhalten kann. Damit
einhergehend spricht sie auch über das Bewusstsein und die Fähigkeit, das eine
vom anderen unterscheiden zu können.
Auf der Website von MakeLoveNotPorn stellt Gallop verschiedenste,
teilweise sehr kuriose Mythen zusammen, die sie sich in der irrealen „Pornowelt“
und der realen „Sexwelt“ gegenüber stehen. Beispiel gefällig? Pornowelt: „Alle
Frauen stehen auf Dreier mit Mädchen und Jungen“ – reale Sexwelt: „Manche
Frauen stehen auf Dreier mit Mädchen und Jungen, manche nur mit Mädchen, manche
nur mit Jungen und manche Frauen mögen Dreier überhaupt nicht.“
Im Gespräch mit The European sagte Cindy Gallop letzten Sommer, junge Männer würden direkt von Pornos beeinflusst. Diese Behauptung entnimmt die selbstsichere Britin nichts Geringerem als ihren eigenen Erfahrungen. Sie selbst sehe sich gerne Pornos an und scheut sich nicht, direkt zu sagen, dass sie sexuellen Kontakt mit jungen Männern pflege. Weiter führte sie aus: „Ich kann Ihnen absolut versichern, dass die Art, wie sie im Bett handeln, direkt von dem beeinflusst ist, was sie in Pornos sehen.“
Auf der re:publica sprach Cindy Galopp heute unter anderem über die große Resonanz, die MakeLoveNotPorn seit dem Startschuss erfahren hat. Die Seite zähle seit ihrer viralen Verbreitung täglich rund 3.000 Unique User, so Galopp während ihres gefeierten Vortrags. Zudem erreichten sie unzählige E-Mails von Menschen jeglichen Alters und jeglicher Orientierung - “from young and old,
male and female, gay or straight” - die Hilfe suchen. Dann sagt sie: “Sie erzählen mir Dinge aus ihrem Sexleben, über die sie noch nie mit jemandem gesprochen haben.”
Besonders appellierte Galopp an Eltern und Schulen mit Kindern offen über Pornographie zu sprechen. Insbesondere Eltern seien noch immer viel zu beschämt, darüber Worte zu verlieren. In diesem Zusammenhang sprach sie leicht zugängliche Pornoseiten an und dass es keine Möglichkeit gebe, Kinder davon abzuhalten. Viel wichtiger sei es deshalb, ihnen verständlich zu machen, dass diese Inhalte mit dem wirklichen Leben meist wenig zu tun haben. Insgesamt ein erfrischender, authentischer und mutiger Auftritt der 50-something-Dame.
Übrigens: Cindy Gallop veröffentlichte Anfang 2011 ihr gleichnamiges E-Book. Darin berichtet sie über eigene Inspirationen für das Projekt, den Zuspruch, den
die Website seit ihres TED-Auftritts erfuhr und vielen individuellen
Geschichten der Menschen, denen Gallop mit ihren Beiträgen helfen konnte.
/jmk
Die Stimmen Twitter waren durchweg positiv. Hier ein paar Auszüge…